Mit Blick nach innen
Othmar Seehauser, weltgereister Südtiroler Fotograf, Jahrgang 1955, darf von sich sagen, er hat sein Land und die Menschen darin „im Kasten“. Der Fotograf schaut mit der Kamera, und was er sieht, besitzt er. Seehausers Foto-Fundus darf deshalb ohne Übertreibung als einer von Südtirols reichsten bezeichnet werden. Wo immer in den letzten Jahrzehnten Südtirol stattfand, Othmar Seehauser war da. Und wer die Zeitgeschichte dieses Landes nach-„schauen“ will, er wird sie nirgends lückenloser sehen als in Seehausers Foto-Archiv. Vieles daraus fand seine Verwertung in Zeitungen, Magazinen und Zeitschriften, auch internationalen. Einiges wurde zu erfolgreichen Bildbänden veredelt.
Othmar Seehauser ist Foto-Reporter. Dessen wichtigste Eigenschaft ist es (abgesehen davon, möglichst als erster zur Stelle zu sein), das Gespür für die Geschichte zu haben. Er muss mehr sehen als jeder hinter ihm herschreibende Journalist. Dieser kann sich im Notfall die Geschichte anhand der gelieferten Fotos erfinden. Sein Jagdinstinkt, gebündelt mit Erfahrung und einer stets wachen Verwertungshaltung, lässt Seehauser gern „die Geschichte hinter der Geschichte“ suchen.
Sein beruflicher Erfolg und der damit einhergehende Ruf erlaubt es dem Meister inzwischen, das fotografische Tagesgeschäft hintanzustellen zugunsten prestigevollerer, nicht der Aktualität verpflichteter Reportagen. Die Fotosequenz für diese Ausstellung über das Gefängnis von Bozen entspringt diesem Anspruch. Bozen und damit das Land Südtirol werden demnächst ein neues, den Standards der Zeit entsprechendes Gefängnis bekommen. Es war deshalb der Ehrgeiz des Fotografen, dem alten, neuzeitlichen Erfordernissen nicht mehr genügenden, jedoch anderweitig interessanten alten Kerker in der Dante-Straße fotografisch gewissermaßen eine letzte Ehre zu erweisen.
Seehauser geht es dabei nicht um eine letzte Dokumentation des architektonisch interessanten Gefängnisbaues, der vermutlich demnächst abgerissen wird (immerhin handelt es sich um ein Gebäude des späteren 19. Jahrhunderts, also aus der Habsburgerzeit). Genauso wenig will er das Gefangenenleben in Bozen dokumentieren. Seehausers Absicht mit dieser Ausstellung ist es, den Menschen „draußen“ eine Ahnung vom Leben „drinnen“ zu vermitteln.
Die Bilder, die er zeigt, könnten überall auf der Welt entstanden sein. Sie sind es aber in Bozen. Seehauser, der diesem Land und seinen Menschen tief ins Innere hineingeschaut hat, schaut hier am tiefsten. Er schenkt uns Bilder von „drinnen“, vom Kerkerleben, was nicht nur technisch, sondern auch rechtlich und psychologisch hohe Ansprüche an den Fotografen stellt. Seine Bilder sind nicht anklagend, sie moralisieren nicht, manche blinzeln uns neckisch zu, manch andere wiederum sind einfach nur von schöner Traurigkeit. Mehr Poesie als Dokumentation. Ein Adieu mit Wehmut auf den alten Kerker von Bozen.