Nach mehreren Jahren, in denen die jährlich stattfindende Ausstellung ungewöhnliche, experimentelle Denkanstöße geboten hat, steht nun mit dem Portrait ein scheinbar traditionelleres Thema auf dem Programm, das hier allerdings als Ausdruck der Innerlichkeit verstanden wird und damit eine Introspektion verlangt, die von Mal zu Mal von der Seele, dem Bewusstsein, dem Geist herrührt und schließlich bis ans Unbewusste und dessen Gespaltenheit vorrückt. Unter diesem Licht kann das Thema sehr komplex anmuten und auch leicht die Gefahr laufen, in die Banalität abzudriften. Die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler schaffen es jedoch, dank ihrer Expertise ganz und gar unkonventionelle Interpretationen zu liefern.
Die in der Frührenaissance entstandene Portraitkunst war jahrhundertelang sehr beliebt und bietet noch heute wichtige Einblicke in die facettenreiche menschlichen Vielfalt. Der Anthropozentrismus der Renaissance führte dazu, dass die Bedeutung der porträtierten Person zunahm und und sich ebenso verbreitete wie religiöse Sujets. So wurde auch das Selbstportrait bald zu einer geläufigen Praxis. Mit ihm setzen sich die KünstlerInnen selbst ins Bild, und dadurch erkennen, spiegeln, analysieren sie sich.
Die teilnehmenden Kunstschaffenden haben sowohl hinsichtlich der Maltechnik als auch der Interpretation sehr unterschiedliche Arbeiten eingereicht, die in ihrer Originalität gewiss auf großes Interesse stoßen werden.
Der Bogen ist groß und reicht von Tanja Jarussis divinatorischem Mysterium über Chiros Raum-Zeit-Verhältnis bis hin zur Evaneszenz von Silvano Tacus, zur Alltagspoetik von Barbara Natter und zum fragmentierten Selbst von Markus Kiniger.
Ein Novum gegenüber den Vorjahren ist die Teilnahme des Gastkünstlers Matthias Verginer, der mit seinen eindrücklichen, eng mit seiner Innerlichkeit verbundenen Holzskulpturen einen wichtigen Beitrag zur Ausstellung leistet.
Die einzelnen Arbeiten lassen weiteres Entwicklungspotenzial erahnen und sind ein Zeichen dafür, dass der Weg für eine künftige Fortsetzung dieser künstlerischen Recherche offen steht.
Paola Bassetti Carlini, 2024